10 Anmerkungen

[1] http://www.nicholas.harrison.mcmail.com/cfcsong3.htm, Abruf 10/2003.

[2] Jim Duggan (Betreiber der Fan-Site www.topspurs.com), zitiert nach der Website des Rhetoric of Race-Project, s.v. „Yid” (http://kpearson.faculty.tcnj.edu/Dictionary/yid.htm, Abruf 10/2003).

[3] Der Text der Sketche fand sich im November 2003 nur noch im Google-Cache von http://www.powerage.demon.co.uk/enfield/jurgen.htm.

[4] Anfangs war er nicht nur als Deutscher, sondern auch als „King of Diving” (dt. „Schwalbenkönig”) regelrecht verhasst. Entscheidend war dann nicht nur, dass er zahlreiche Tore schoss und Standfestigkeit im Strafraum beweis. Der eigentliche Coup war es, dass Jurgen the german, wie er explizit von Kommentatoren genannt wurde, in seiner ersten Pressekonferenz mit einer Taucherbrille („diver”) vor die Presse trat. Dieser einigermaßen schlichte Witz gewann die Fans und veränderte das Bild „des Deutschen”. Vgl. dazu etwa http://www.geocities.com/chowwing/ektott.htm (Abruf 11/2003). Am Ende wurde er britischer „Fußballer des Jahres“.

[5] Das ist ziemlich sicher nur eine Anekdote. Sicher ist, dass die „Spiel“-Metapher erstmals in sehr abstrakter Form da auftaucht, als Wittgenstein von einer Auffassung der der Sprache als mechanisches „Kalkül“ (Metapher Schachspiel) zu einer Auffassung von der Sprache als „Spiel“ mit unscharfen Regeln übergeht (Metapher Ballspiel; im Big Typescript von 1933, Abschnitt 47). Dafür werden dann in den Philosophischen Untersuchungen tatsächlich „Ballspiele“ herangezogen und mit dem Schachspiel verglichen (Abschnitte Nr. 66 und Nr. 83). Es gibt ein – natürlich britisches – Wittgenstein-Sweatshirt, das den berühmten Text von Nr. 83 konkret auf Fußball hin abwandelt: „Imagine people playing football, kicking the ball in the air, chasing, fouling each other … “

[6] Die rivalisierenden Klubs West Ham United und Tottenham Hotspurs haben ihren Sitz in zwei nahe beieinander liegenden Stadtteilen im proletarischen Osten von London. Die Münchner Vereine, die eine der semiotisch fruchtbarsten „Feindschaften“ verbindet, stammen sogar aus demselben Viertel: Giesing war ein Münchner „Glasscherbenviertel“. In diesem Sinn spielte hier tatsächlich, einem Lieblingsspruch Franz Beckenbauers gemäß, „Obergiesing gegen Untergiesing“. Dabei differenzierte sich in der Folge eine Opposition heraus zwischen dem proletarischen 1860 („Untergiesing” sozusagen) und dem aufsteigerhaften FC Bayern (quasi „Obergiesing“), für den inzwischen der aus kleinsten Giesinger Verhältnissen stammende „Fußballkaiser“ Beckenbauer selbst steht. Aus semiotischer Perspektive interessant ist übrigens, dass der „Proletenverein“ 1860 weitaus anfälliger für Nationalsozialismus und Antisemitismus gewesen zu sein scheint als der immer schon als „schnöselhaft“ geltende FC Bayern. Vgl. dazu Gerhard Fischer / Ulrich Lindner, Stürmer für Hitler. München 2000.

[7] Dazu gehören die „german/nazi“-Witze Harry Enfields und des Ex-Monty Python John Cleese („Fawlty Towers“) oder neuerdings auch die politisch extrem inkorrekten Späße von Sacha Baron Cohen (alias „Ali G.“).

[8] Bezeichnend für die britische Lust am Spiel mit Zeichen ist, dass merkwürdige Konversionen anscheinend problemlos möglich waren. Slade, eine andere sehr populäre Teenybopper-Glam-Rock-Band, waren um 1970 noch als Skinheads der ersten Generation aufgetreten. Auf dem Cover ihrer 1976 ihrer unter dem Titel Whatever Happend To Slade wiederveröffentlichten ersten Platte stehen sie in schwuler Glam-Montur und deuten grinsend auf Fotos hinter ihnen, die sie als Skinheads zeigten.

[9] Belsen was a gas I heard the other day
In the open graves where the jews all lay
Life is fun and I wish you were here
They wrote on postcards to those held dear
oh dear oh dear oh dear.

[10] Diedrich Diedrichsen, Die Auflösung der Welt – Vom Ende und Anfang. In: Diedrich Diedrichsen u.a., Schocker. Stile und Moden der Subkultur. Reinbek b. H. 1983. S. 166 – 188. Zitat S. 174.

[11] Ebd., S. 173.

[12] Dirk Hebdige, Die Bedeutung von Stil. In: Diedrich Diedrichsen u.a., Schocker. Stile und Moden der Subkultur. Reinbek b. H. 1983. S. 87 – 96. Zitat S. 93.

[13] Wie Anm. 1.

[14] Zitiert in John Efron, Wann ist ein Yid kein Jude mehr? In: Süddeutsche Zeitung vom 17./18. August 2002, S. 15. Der Artikel Efrons, Wissenschaftler für Jewish Studies an der Universität Indiana, ist die umfassendste Darstellung des Phänomens, die mir bisher bekannt ist.

[15] So von Efron (Anm. 14). Vgl. Tony Thorne (Hg.), Dictionary of Contemporary Slang. Third Edition. London 1997, s.v. “yid”. Siehe auch das Interactive Dictionary of Racial Language (http://kpearson.faculty.tcnj.edu/Dictionary/yid.htm, Abruf 11/2003).

[16] A http://www.clubi.ie/grizmond/spurs-list/archives/1997/9711Nov/971124.txt, Abruf 10/2003.

[17] He’s the Tottenham supporting Jewish socialist who achieved cult status playing an anti-semitic Tory devoted to West Ham. Warren is happy enough to be remembered as, even identified with, the foul mouthed Alf Garnett …
http://www.bbc.co.uk/radio4/discover/archive_interviews/10.shtml, Abruf 11/2003.

[18] Obwohl gerade noch 2003 einige Clubbosse der Premier League sich dafür ausgesprochen haben, den Tottenham-Fans ihre Yiddo-Kultur zu untersagen – im übrigen eine wiederum groteske Imitation des aus der ‚wirklichen Welt‘ wohlbekannten Musters, die Juden selbst dafür verantwortlich zu machen, dass sie zum Anlaß für antisemitische Unruhen werden.

[19] Das Konzept des „sekundären Antisemitismus” geht wohl auf Adorno und Arendts Untersuchungen zurück; vgl. Lars Rensmann, Kritische Theorie über den Antisemitismus: Studien zu Struktur, Erklärungspotenzial und Aktualität. Berlin und Hamburg: Argument Verlag, 3.Aufl. 2001, S. 231 ff. In der Publizistik nach 1970 haben vermutlich der Historiker Dan Diner (Negative Symbiose. Deutsche und Juden nach Auschwitz, in: Ders. (Hrsg.), Ist der Nationalsozialismus Geschichte?, Frankfurt am Main 1993, S. 185-197). Seither hat v.a. der Publizist Hendryk Broder diese Formel eingeführt und verbreitet (Ders., Antizionismus Antisemitismus von links?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 24 / 1976 vom 12. Juni 1976; Ders., Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls, Frankfurt 1986). „Antisemitismus ohne Juden“ scheint zurückzugehen auf eine Untersuchung Paul Lendvais (Antisemitismus ohne Juden. Entwicklungen und Tendenzen in Osteuropa. Wien 1972), der sich einige ähnliche historische Untersuchungen, u.a. für Japan, anschlossen. Wiederum war es Broder, der den Begriff publizistisch in Umlauf brachte. Auch „Antisemitismus ohne Antisemiten“ wurde zum geflügelten Wort und scheint zurückzugehen auf Bernd Marin: Ders., Ein historisch neuartiger “Antisemitismus ohne Antisemiten”? In: Bunzl, John / Marin, Bernd: Antisemitismus in Österreich. Sozialhistorische und soziologische Studien. Innsbruck 1983; vgl. Bernd Marin, Antisemitismus ohne Antisemiten. Autoritäre Vorurteile und Feindbilder. Frankfurt a. M./New York 2000.

[20] Vgl. Rensmann 2001 (wie Anm. 19).

[21] Dietz Bering, Gutachten über den antisemitischen Charakter einer namenpolemischen Passage aus der rede Jörg Haiders vom 28. Februar 2003. In: Anton Pelinka / Ruth Wodak (Hg.), „Dreck am Stecken“. Politik der Ausgrenzung. Wien 2002. S. 173 – 186.

[22] Vgl. die versteckt-wortspielerischen, aber durchaus „primären“ antisemitischen Bemerkungen Jörg Haiders (vgl. etwa Pelinka/Wodak 2002, wie Anm. 21) und die zeitkritischen Gedichte Wolf Martins in der Kronen-Zeitung (kritisch kommentiert etwa von Karl Pfeifer unter http://www.ballhausplatz.at/johcgi/ball/TCgi.cgi?target=thema&Thema=51, Abruf 11/2003). Beides wäre so bei deutschen Politikern und Zeitungen nicht möglich. Auffällig ist auch der ungeschminkt „primäre“ antisemitische Wortgebrauch gerade in österreichischen Online-Foren.

[23] Hendryk Broder, Halbzeit im Irrenhaus. Anmerkungen zur Debatte um Martin Walsers Friedenspreisrede. In: Der Tagesspiegel, 14. 11. 1998, S. 16. Broder zitiert hier seinerseits den israelischen Psychoanalytiker Zvi Rex.

[24] So eine ankreuzbare Aussage in einer statistischen Erhebung des Gallup Institute of Austria (Attitudes towards Jews and the Holocaust in Austria. Wien 2001), der 45 % zustimmten.

[25] Roland Barthes, Mythen des Alltags. Frankfurt a.M. 1964. S. 134. Jurij Lotman, Die Struktur literarischer Texte. München 1972. S. 22 ff.

[26] Die Hohmann-Rede wird zitiert nach der Web-Site der Tageschau (Stand: 10.11.2003), versehen mit folgender Vorbemerkung: „Nachfolgend die Rede des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann, so wie sie bis zum frühen Abend des 30. Oktober 2003 auf der Internetseite der CDU-Neuhof abrufbar war. Später wurde die Internetseite ersatzlos gelöscht.“
(www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID2535644,00.html, Abruf 11/2003.).

[27] Wie Anm. 3.

[28] „Aber bei vielen [Deutschen] kommt die Frage auf, ob das Übermaß der Wahrheiten über die verbrecherischen und verhängnisvollen 12 Jahre der NS-Diktatur nicht a) instrumentalisiert wird und b) entgegen der volkspädagogischen Erwartung in eine innere Abwehrhaltung umschlagen könnte.“

[29] Henryk M. Broder: Der Ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls. Frankfurt a. M. 1986.

[30] „‚Der Hohmann hat nie etwas gesagt, wo ich an die Decke gegangen wäre‘, sagt zum Beispiel die Grünen-Abgeordnete Silke Stokar, die den Christdemokraten aus informellen interfraktionellen Gesprächen zum Thema Staatsvertrag mit dem Zentralrat der Juden kennt. ‚Nichts, wo ich sage: Pfui, jetzt gehe ich raus.‘“ (Yassin Musharbash, Der unscheinbare Herr Hohmann; http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,272789,00.html; Abruf 10/2003).

[31] Seit den 1960er Jahren produzieren Romane und Filme pseudoaufklärerischen Psychokitsch, der den Blick auf Nationalsozialismus und Antisemitismus verstellt: von Romanen wie z.B. (neben vielen anderen) Engel sind schwarz und weiß von Ulla Berkewicz, der neuen Suhrkamp-Chefin, bis zu Filmen wie „Das Schlangenei“ oder „Der Nachtportier“.

[32] Der Reflex findet sich übrigens noch bei den merkwürdigen Formen des „linken Antisemitismus“ (Henryk Broder), die gerade durch das Sendungsbewusstsein der Israeli die Möglichkeit gewinnen, „das palästinensische Volk“ als quasi-religiös aufgeladene Einheit zu konstruieren.

[33] Inzwischen weisen sie sogar das kulturhistorisch neue Merkmal „Männlichkeit“ auf. Der General Günzel hebt glaubhaft hervor, er betrachte die Israeli als „fantastische Menschen und Soldaten“. Eben das ermöglichte ja auch den Tottenham-Fans ihre selbstbewusste Identität als „Yid Army“.

[34] Patrick Bahners, Ohne Worte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2003, Nr. 263. Seite 37. Die genaue Analyse des Sprachspiels vor Ort und v.a. des kollektiven „Weghörens“ kann hier auf Grundlage des schriftlichen Textes nicht geleistet werden, wäre aber allerdings sehr wünschenswert.

[35] Wohlgemerkt: Das Problem ist hier m. E. die Tabuisierung der antisemitischen Argumentation, nicht die Ächtung der Urheber antisemitischer Äußerungen. Die Sanktionen gegen Hohmann und Günzel an sich sind ein berechtigtes und wirkungsvolles Signal demokratischer zero tolerance.

[36] Im heute-journal des ZDF vom 16. Mai 2002.

[37] Die Werte variieren je nach Umfrage, liegen aber seit Jahrzehnten eher höher als 18 %. Eine aktuelle Studie der Universitäten Leipzig und der FU Berlin ergab eine Zustimmungsrate für antisemitismusverdächtige Äußerungen von um die 25 % (http://www.uni-leipzig.de/presse2002/bild/pdf/rechtsextremismus.pdf, Abruf 11/2003).

[38] Zur dringend nötigen kulturwissenschaftlichen Präzisierung von „Diskurs“ vgl. den brillanten, auch für Medien- und Kulturwissenschaftler maßgeblichen Artikel Semiotische Aspekte der Literaturwissenschaft: Literatursemiotik von Michael Titzmann in Semiotik. Ein Handbuch zu den zeichentheoretischen Grundlagen von Natur und Kultur. Hg. Von Roland Posner, Klaus Robering, Thomas A. Sebeok. 3. Teilband. Berlin, New York 2003. S. 3028 – S. 3103. Hier vgl. S. 3092.

[39] Henryk Broder, Heißluftballon mit Turbomotor (2003). (http://www.henryk-broder.de/html/tb_friedman3.html; Abruf 10/2003).

[40] Eine Google-Suche mit Möllemann+Mossad erbrachte 1490 Treffer (01/2003).

[41] Alle folgenden Textzitate: Martin Walser, Tod eines Kritikers. Frankfurt a. M. 2002.

[42] Elke Schmitter, Der verfolgte Verfolger. In: Der Spiegel 23/2002, S. 182 – 184.

[43] Interessanter Weise behauptet Walser selbst im Spiegel-Interview, dass der Publizist Wolfgang Leder, der innerhalb des Textes die hochrangigste Position in der Antisemitismus-Diskussion vertritt, eine „jüdische“ Figur sei (Spiegel-Gespräch mit Martin Walser. In: Der Spiegel 23/2002, S. 187). Ich habe dafür im Roman keinen Hinweis gefunden.

[44] Der SZ-Rezensent Steinfeld vergleicht diejenigen, die hier Antisemitismus vermuten, mit verklemmt-geilen Jägern nach „pornografischen“ Stellen und hält ihnen allen Ernstes die „Wirklichkeit“ entgegen SZ vom 31. 05. 2002 (www.sueddeutsche.de/aktuell/sz/artikel7513.php, Abruf 06/2002). Es verhält sich aber genau umgekehrt: Eben weil der Antisemitismus Teil dieser Wirklichkeit ist, die ja in den Text hineinspielt, hätte der Roman dies in Betracht ziehen müssen, wenn er Splitter daraus zum Teil des Textes macht.

[45] Michael Titzmann, Strukturale Textanalyse. München 1977. S. 238 ff. Es wäre im übrigen wünschenswert, überhaupt die sehr komplexe Weise genauer zu analysieren und zu definieren, in der sekundär-antisemitische Äußerungen Nullpositionen funktionalisieren.

[46] Dankesrede von Martin Walser zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche am 11.Oktober 1998 (http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/WegeInDieGegenwart_redeWalserZumFriedenspreis, Abruf 11/2003).

[47] Spiegel-Gespräch mit Martin Walser. In: Der Spiegel 23/2002, S. 187.

[48] Ebd., S. 186.

[49] Die Zeitzeugen aus seiner Frühzeit berichten eher (in den 1930er Jahren!), dass in Hitlers ausschweifenden Stammtischexkursen „die Juden“ eine untypisch geringe Rolle gespielt hätten, im Gegensatz zu „den Roten“ und „den Jesuiten“. Vgl. Ian Kershaw, Hitler. Bd. 1: 1889 – 1936. München 2002. S. 87, 94, 135 (dazu S. 791, A. 142 und 134).

[50] vgl. Martin Lindner, Leben in der Krise. Zeitromane der Neuen Sachlichkeit und die intellektuelle Mentalität der Klassischen Moderne. Stuttgart 1993. S. 353 ff.

[51] Ein Satz, der nach Broder Fassbinder von den Vorwürfen entlastet, die ihm die Figur des reichen jüdischen Spekulanten in diesem Stück eingetragen hat. „Er zeigt, daß Fassbinder kein Antisemit war. Denn was er den Antisemiten sagen läßt, würde ein realer Antisemit nie sagen – diese Reflexionsstufe hat der gar nicht.“ Interview mit Henryk M. Broder in Jungle World vom 29. April 1998 (www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_98/18/03a.htm; Abruf 12/2004).

[52] Schmitter 2002 (wie Anm. 42), S. 183.

[53] Dietrich Schwanitz, Das Shylock-Syndrom oder die Dramaturgie der Barbarei. Frankfurt a.M. 1997. S. 276.

[54] Wie Anm 53. Vgl. auch Dietrich Schwanitz. Der Antisemitismus oder die Paradoxierung der Außengrenze. In: Soziale Systeme 3 (1997), H. 2.

[55] Ebd., S. 280, 17, 281.

[56] „Ein Szenario ist nicht durch äußere Ursachen zu erklären, sondern verschafft sich seine Stabilität selbst durch die Dramaturgie, mit der es die sozialen und semantischen Energien zu einer dynamischen Figur organisiert.“ – „Es geht dabei um ein Szenario, das sich verselbständigt und immer wieder Figuren findet, die ihre vorgesehenen Rollen spielen.“ Schwanitz 1997 (wie Anm. 47), S. 8, 17.

[57] Anne von der Heiden, Der Jude und die negative Ökonomie des Heils. Zur kulturellen Konstruktion des „Jud Süß“. In: Rüsen, Jörn (Hrsg.): Jahrbuch Kulturwissenschaftliches Institut im Wissenschaftszentrum NRW 1998/1999. Essen 1999. S. 167-189. Die Publikation der Dissertation, die Kontinuität der „Jud Süß“-Narration v.a. auch in den Medien verfolgt, ist noch in Vorbereitung.

[58] von der Heiden 1999 (wie Anm. 49), S. 187 – 189.

[59] Ebd., S. 179, A. 54.

[60] Claude Lévi-Strauss, Die Struktur der Mythen [1955]. In: Wilfried Barner u.a. (Hgg.), Texte zur modernen Mythentheorie. Stuttgart 2003. S. 59 – 74.

[61] Die völlig arbiträre Kennzeichnung der Juden durch den „Judenring“ wird hier nachträglich semantisch aufgefüllt: „Es thut iedermann nachfragen / Warumb die Judn Ringlin tragen?“ Darauf wird eine dreifache Antwort gegeben: Erstens sind sie des „Teuffels“ und schreinen daher in der Hölle „oo“. Zweitens haben sie mit großen ‚runden‘ Geldsummen zu tun, die durch viele Nullen hinter der ersten Stelle bezeichnet werden. Und drittens bedeutet die Null selbst, wenn sie allein steht, „gar nichts“: „Also diß Nota zeigt uns fein / Daß Juden nichts gegen Christen sein.“ Vgl. Arnold Rabbow, dtv-Lexikon politischer Symbole. München 1970. S. 138. Der einzige semantische Gehalt der „Judenringe“ lag ursprünglich allein in deren gelber Farbe beschlossen, die allgemein „Lasterhaftigkeit“ anzeigte (ebd., S 101). Der Ring (nicht der Judenstern, den erst die Nazis einführten) wurde vermutlich verwendet, weil er an der Kleidung angebracht eindeutig als konventionelles Zeichen erkennbar war.

[62] Diese Grundstruktur findet sich bereits in einem Spottvers des 17. Jahrhunderts in aller wünschenswerten Klarheit, der die völlig arbiträre Kennzeichnung der Juden durch den „Judenring“ nachträglich semantisch auffüllt: „Es thut iedermann nachfragen / Warumb die Judn Ringlin tragen?“ Darauf wird eine dreifache Antwort gegeben: Erstens sind sie des „Teuffels“ und schreinen daher in der Hölle „oo“. Zweitens haben sie mit großen ‚runden‘ Geldsummen zu tun, die durch viele Nullen hinter der ersten Stelle bezeichnet werden. Und drittens bedeutet die Null selbst, wenn sie allein steht, „gar nichts“: „Also diß Nota zeigt uns fein / Daß Juden nichts gegen Christen sein.“ Vgl. Arnold Rabbow, dtv-Lexikon politischer Symbole. München 1970. S. 138. Der einzige semantische Gehalt der „Judenringe“ lag ursprünglich in deren gelber Farbe beschlossen, die allgemein „Lasterhaftigkeit“ anzeigte (ebd., S 101).

[63] Ausführlicher zu dieser These vgl. Martin Lindner, Realer oder semiotischer Bürgerkrieg? Zur Praxis der Ausgrenzung. In: Zeitschrift für Semiotik, Band 16 (1994), Heft 3. Zusammenfassung der Resultate der Preisschrift, die mit dem Förderpreis der Deutsche Gesellschaft für Semiotik 1993 ausgezeichnet wurde.

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