9 9. Antisemitismus als semantischer “Mythos”

Walser ist kein Antisemit, sagte Günter Grass. Möllemann ist kein Antisemit, sagte Helmut Schmidt. Hohmann ist kein Antisemit, sagte der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Bosbach. Gemeint ist immer: Sie sind keine ‚primären Antisemiten’, die in ihrem Innersten von unversöhnlichem Hass gegen die Juden getrieben sind. Aber was besagt das schon?

Hitler selbst war vor 1914 (vielleicht vor 1916) kein Antisemit, wie man aus der maßgeblichen Biographie Kershaws folgern muss.[49] Daraus lässt sich nur die Sinnlosigkeit der tiefschürfenden Frage folgern, ob jemand „ein Antisemit IST“. Es lässt sich allein feststellen, ob jemand als Urheber antisemitischer Äußerungen hervorgetreten ist, in welcher Frequenz das erfolgt, inwiefern diese Äußerungen selbst ein zusammenhängendes System antisemitischer Sätze bilden oder evozieren bzw. inwiefern sie indirekt auf ein solches bestehendes, kulturell relevantes System verweisen. Das ist bei Hohmann, Möllemann und Walser der Fall (auf im Einzelnen recht verschiedene Weise).

Niemand IST also ein Antisemit. Es gibt nur Urheber mehr oder minder schwerwiegender antisemitischer Äußerungen. Doch wie verhält es sich dann mit der anderen Gretchenfrage: „Was IST Antisemitismus“?

Zuerst einmal handelt es sich dabei um eine selbst historische Konstruktion, die den Akzent auf den Systemcharakter legt, den man ‚hinter‘ all den vielfältigen Erscheinungsformen antijüdischer Sprechakte und Handlungen postulierte. Der abstruse Begriff selbst, der wissenschaftlich-philosophisch klingen sollte, wurde 1879 geprägt. Bald bezeichnete er das umfassende und vage „weltanschauliche System“, zu dem sich der im 19. Jahrhundert wuchernde Wildwuchs einzelner antisemitischer Äußerungen, Bilder und Handlungen verdichtet hatte und das selbst wieder beinahe so viele verschiedene explizite Systementwürfe umfasste, wie es Antisemiten gab.
Nach 1950 wurde dann aus wissenschaftlich-kritischer Perspektive unter „Antisemitismus“ vor allem die unterstellte sozialpsychologische Disposition verstanden, die dieses anscheinend wahnhafte System hervorgebracht haben sollte. Die Küchenpsychologie „des Kleinbürgers“, die dabei bis heute gemeinhin in Anwendung kommt, bildete sich allerdings bereits in den ‚neusachlichen’ 1920er Jahren heraus.[50]

So denkt es in mir“, lässt Fassbinder in seinem Stück Die Stadt, der Müll und der Tod, das 1985 in Frankfurt einen der ersten ‚sekundären’ Skandale auslöste, die Figur des „Antisemiten“ sagen.[51] Mit „Es spricht aus ihm“ erklärt auch Elke Schmitter Walsers einschlägige Stellen in Tod eines Kritikers.[52] Die Frage ist nur, was „Es“ heißt.

Hat sich ein kollektiv-unbewusstes „Es“ als ‚beständiges Gefühl’ über Jahrhunderte erhalten, das nun das Denken beeinflusst? (So suggerieren es Broder und Schmitter, diffus auf Adornos Kritische Theorie anspielend.) Oder handelt „es“ sich um eine selbstreflexive Zeichenkette, eine Art wildgewordenes semiotisches Virus-Programm, das immer neu in das Denken der unterschiedlichsten Subjekte in den unterschiedlichsten historisch-kulturellen Kontexten eindringt?

Die zweite Annahme wurde bis jetzt kaum je ernsthaft geprüft. Das hat vermutlich zwei Gründe: Erstens lässt die übermächtige ‚primäre’ Kraft, die von den Millionen Opfern selbst ausgeht, von vornherein die Behauptung absurd und verharmlosend erscheinen, „der Massenmord an den Juden sei Bestandteil einer unendlichen Verweisungskette von Texten“.[53] Zweitens scheint auch die unheimliche Konstanz“ und die schiere Unauflöslichkeit der Zeichenkonstellation auf eine übermächtige und ‚tiefe‘ Kraft zu verweisen, die unter der Oberfläche der Zeichen wirkt, und die man sich in der Gegenwart nicht anders als irgendwie ‚psychisch’ vorstellen kann.

So weit ich sehe, gibt es bislang nur zwei – recht neue – Arbeiten, die die semiotische Dimension des Antisemitismus als eigenständig zu rekonstruierende Dimension aufzufassen versuchen. Der Literaturwissenschaftler Dietrich Schwanitz [54] lässt dabei in seiner Parforcetour durch die Jahrhunderte am Ende sein eigentlich systemtheoretisch und semiotisch begründetes Konzept doch wieder in Kollektiv-Tiefenpsychologie aufgehen: Aus der „Paradoxierung der Außengrenze“, die „der Jude“ in modernen Kultursystemen verkörpere, entstehe eine „Double Bind“-Situation, die sich wiederum in „europäischen Obessionen“, „fixen Ideen“ und insbesondere in Deutschland im „Selbsthaß eines schwächlichen Bürgertums“ niederschlage.[55]

Schwanitz’ Schlüsselbegriff des „verselbständigten Szenarios“,[56] den er aus Shakespeares Drama „Der Kaufmann von Venedig“ ableitet und der sich zunächst im Sinne der hier vorgeschlagenen semiotischen Perspektive deuten zu lassen scheint, wird dann im Sinne der populären „Psychodrama“-Therapie zum „Shylock-Syndrom“.

Anne von der Heiden [57] verzichtet dagegen in ihrer Untersuchung der folgenreichen und Jahrhunderte überdauernden Narration/Konstruktion des „Jud Süߓ in angenehmer Weise auf solche großen, ‚tiefen’ Psycho-Theorien. Sie interessiert, wie „der Anschein von Gültigkeit und Unveränderlichkeit“ sich während der Entstehung und „ästhetischen Verselbständigung des ‚Jud Süߑ-Komplexes“ quasi von selbst erzeugt. Und sie zeigt, wie komplex das semantische Material zusammengesetzt ist, das selbst wieder anderen ästhetisch verselbständigten Zeichenkomplexen entnommen ist (der Ahasver-Legende, dem „Vampyr“-Motiv, dem Motiv des unnatürlich-sexuell „wuchernden“ Geldes).

Dieses komplizierte und extrem künstliche Geflecht erlangt erst danach, durch „Simplifizierung, Rhythmisierung und Formalisierung des Materials“ und nicht zuletzt durch metonymische Verschiebungen, den Status eines „Mythos“ im Sinne von Barthes, der die sekundäre Komplexität der menschlichen Kultur als primäre „Natur“ erscheinen lässt.[58]

Von daher kritisiert sie die unter Historikern weiterhin verbreitete Annahme, das abstrakte Zeichensystem des „Antisemitismus“ (das sie vom religiös verankerten „Antijudaismus“ unterscheidet) sei auf irgendwelche empirische Erfahrungen mit Juden zurückzuführen. Demnach zieht das sekundäre Zeichenspiel erst die primären Praktiken und Erfahrungen nach sich, die es rückwirkend ‚bestätigen‘.[59]

Die verbreitete Rede vom Antisemitismus als „Mythos“ ist tatsächlich stichhaltig, wenn man den Begriff von seinen metaphysischen und kollektivpsychologischen Untertönen befreit. Wenn man den Mythos-Begriff von Lévi-Strauss zu Grunde legt, erscheint die frappierende Eigendynamik des Antisemitismus als Wirkung einer einfachen, ästhetisch geschlossenen „generativen Struktur“, die immer nur in den einzelnen Aktualisierungen dieser Struktur (und eben nicht ‚dahinter‘/‚darunter‘) gegeben ist und dabei auf fundamentale Phänomene des Kulturprozesses verweist.[60]

Dieses fundamentale Phänomen, das den antisemitischen „Mythos“ begründet, wäre dann die Semiotizität selbst: „Der Jude“ erscheint ja, wie vielfach erkannt worden ist, als Verkörperung des Arbiträren und Sekundären: der ewige Jude, der Vampyr, der Wucherer. Er ist das verkörperte „Nichts“, wie es schon in einem sehr semiotischen Spottvers des 17. Jahrhundert heißt.[61] Das ersehnte Primäre (ethnische Identität und Zusammenhalt, das „Blut“, das der Vampyr saugt, Christenmädchen, Grundbesitz, soziale Akzeptanz) muss er sich gerade durch virtuose Handhabung von Zeichen (Schrift/Intellektualität, Geld/Wucher, Moden) verschaffen.[62]

Das mythische Sprachspiel, als das der Antisemitismus sich darstellt, beruht dann darauf, dass sich die in der Moderne zunehmend verselbständigten sekundären Zeichen immer neu eine geeignete primäre Verkörperung suchen, die aber selbst die Arbitrarität nicht einfach auslöscht, sondern als Faszinosum aufbewahrt: Das eben ist „der Jude“.

Der Akt der Ausgrenzung (Einsperrung, Vertreibung, Auslöschung), auf den der Antisemitismus praktisch abzielt, bringt den Zeichenkomplex selbst nicht zum Verlöschen, weil der eben von Anfang an eigentlich „ohne Juden“ und „ohne Antisemiten“ funktioniert. Das Zeichen steht am Anfang. Eher ist es so, dass jede primäre Aktualisierung dem mythischen Sprachspiel von neuem semantische Energie zu, wodurch es sich weiter als selbstbezügliche, quasi-ästhetische Figur verselbständigt. Denn ein einmal erzeugtes semiotisches Muster von der Vollständigkeit und Komplexität, die der antisemitische Zeichenkomplex aufweist, ist grundsätzlich ein wertvolles kulturelles Kapital, das ohne Not nicht wieder aufgegeben wird.[63]

Eine solche Weitergabe und Fortzeugung des „Mythos“ ähnelt den „Sprachspielen“ Wittgensteins, die das Motto dieses Beitrags anspricht. Auch sie beruhen auf einem zusammenhängenden System von Sätzen (analog den „Mythemen“), das so beschaffen ist, dass ein isoliert geäußerter Satz die anderen jeweils impliziert und selbst wieder neue Sätze nach sich zieht, die wiederum den systemischen Horizont für wieder neue Sätze bilden. Die Strukturen des antisemitischen Sprachspiels gehorchen nicht von vornherein festgelegten ‚archetypischen‘ Regeln. Sie sind vage wie im Fall des ‚wilden‘ Ballspiels, dem Wittgenstein zusieht, und sie wandeln sich ständig: „Und gibt es nicht den Fall, wo wir spielen – und ‚make up the rules as we go along’?“

Der spezifische sekundäre Antisemitismus, mit dem wir es seit einiger Zeit vor allem zu tun haben, ist dabei bei den britischen Fußballfans wie bei Hohmann, Möllemann und Walser auch ein Reflex der Neuen Medienkultur.

Inzwischen ist jedem kompetenten Mediennutzer die Erkenntnis in Fleisch und Blut übergegangen, dass die Sprach- und Zeichenspiele sich endgültig vom ‚Primären’ gelöst haben. Zugleich besteht der Bedarf nach dem ‚Primären’ aber nach wie vor: Die Medien sind auf wirksame Zeichen, die einen Unterschied machen, weiterhin angewiesen. Wenn nicht immer neue Zeichen als fossiler Brennstoff in den verbrauchsintensiven Kreislauf eingespeist und verbrannt werden können, kommt der Apparat zum Stillstand.

Weil historisch ‚gewachsene’ Zeichen immer knapper geworden sind, muss das Primäre, dass zum Funktionieren der Zeichenzirkulation gleichwohl benötigt wird, künstlich erzeugt werden – in der unaufhörlichen Jagd nach ‚den Menschen’: in Dokumentationen über Terrorismus-Opfer, im Reality TV und in Casting Shows, in den Skandalen der Medienmenschen.

In dieser Situation hat nun aber nicht nur das sekundäre antisemitische Sprachspiel selbst einen besonderen Stellenwert, sondern fast mehr noch das mediale Sprachspiel des Antisemitismus-Skandals und der Antisemitismus-Debatte. Denn nicht nur die sekundären Antisemiten sind Spielbälle der Medienkultur. Auch und gerade für die Anti-Antisemiten ist „der Jude“ immer noch die stärkste Medizin, das Zeichen der Zeichen, leer und schwer zugleich.

Der Mythos scheint zeitgemäßer denn je, und ungebrochen die Faszination der Rätselfigur, die für immer im geschlossenen Kreislauf zwischen dem Primären und dem Sekundären gefangen ist.

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