3 3. Gas a Jew Jew Jew

Das Yiddo-Zeichenspiel um die Tottenham Hotspurs erreichte in den 1980er Jahren seinen grotesken Höhepunkt. Die Spurs feuerten ihre Spieler mit „Yid Yid Yid“ an, dem Hetzruf der alten Pogrome. Auf den beliebten „Foreskin-Song“ der Gegner antworteten sie damit, dass sie zum Gaudium aller Beteiligten kollektiv mit ihren (unbeschnittenen) Gliedern wedelten. Auf deren Tribünen wurde zur fröhlichen Melodie des Disco-Hits „Agadoo“ folgender Text gesungen:

Gas a jew, jew, jew – stick him in the oven gas mark 2,
Gas a jew, jew, jew – stick him in the oven gas mark 2,
In his head in his eye, jump up and down on him make him cry,
Gas a jew, jew, jew – stick him in the oven gas mark 2. [13]

Dazu ließ man, wenn die Tottenham-Fans einmarschierten, unisono ein lautes Zischen hören, das ausströmendes Zyklon B bedeuten sollte. Ein tatsächlich jüdischer Spurs-Anhänger berichtet aus dieser Zeit davon, wie er zum ersten Mal bei einem derartigen Auswärtsspiel teilnahm: „

Wir kamen ins Stadion, und plötzlich sah ich einen Haufen großer Kerle […] Sie waren Spurs-Anhänger und trugen Atemschutzmasken, aber nicht vor ihren Mündern, sondern auf dem Kopf, als Kippas. Dann ging die Singerei los: ‚Yiddos, Yiddos, Yiddos. [14]

Spätestens jetzt hatte natürlich das aberwitzige Zeichenspiel seine Unschuld eingebüßt (wenn es die je gegeben hatte). Auch für die Teilnehmer selbst war nicht mehr zu unterscheiden, wo der spielerische Antisemitismus aufhörte und der ernstgemeinte Antisemitismus begann. Tatsächlich gibt es zwei Erklärungen für die Wurzeln des Spiels: Eine Erklärung, die sich auf ‚primäre‘ antisemitische Erfahrungen bezieht, und eine postmoderne Erklärung.

Die erstere findet sich auf der (keineswegs unintelligenten) Website eines Schauspielers und Chelsea-Fans, der „in the interest of social history“ auch die extremsten antisemitischen Hetzlieder dokumentiert. Ihm zufolge hatte Tottenham viele Anhänger in der Gegend von Stamford Hill, in der besonders viele orthodoxe Juden leben. Der FC Chelsea habe zwar eher mehr jüdische Fans, aber bei Tottenham habe es eben mehr Jiddisch sprechende und jüdisch aussehende „Yiddos” gegeben. Dem widerspricht allerdings, dass nirgends von antisemitischen Ressentiments im Zusammenhang mit Tottenham aus den Jahren vor 1970 berichtet wird. Das macht die zweite Erklärung plausibel, die von seriösen Rechercheuren vertreten wird.[15]

Hier ein Auszug aus der Antwort aus einem Tottenham-Messageboard auf die Frage „Why are we Yids?”:

[…] This was in an episode where Alf was recounting the bombing days of the WW2 and he said that they (the Luftwaffe) should carry on over Wapping and bomb those bloody yids at Tottenham (or similar). This is where it may have arisen as the programme was VERY popular.[16]

Very early episode“ verweist hier auf die erste Staffel der Serie (1966 – –1969), die danach mehrfach wieder aufgenommen wurde. Und der Hinweis darauf, dass der Yid-Witz von einem jüdischen Londoner Comedian in Umlauf gesetzt wurde, scheint zu stimmen: Offenbar hat tatsächlich der in Großbritannien Kultstatus genießende Warren Mitchell, selbst ein „Tottenham supporting Jewish socialist” und aus dem Osten Londons stammend,[17] die Anspielung auf die orthodoxe Nachbarschaft von Tottenham ins Spiel gebracht. Dass er selbst bekennender Tottenham-Fan war, könnte im übrigen die Bereitwilligkeit erklären, mit der sich die Spurs dann als „Yiddos“ bekannten.

Somit ergibt sich also folgender Zirkel: Aus konventionellen, vagen und im Londoner Alltag keine sehr große Rolle spielenden antijüdischen Ressentiments entsteht ein für alle als grotesk erkennbarer Judenwitz – – in Umlauf gesetzt durch einen jüdisch-britischen TV-Comedian, der einen britischen Chauvinisten spielt und es eben dadurch zur Kultfigur des britischen Nationalhumors bringt. Der anfangs befreiende Witz wird bewusst und spielerisch aufgegriffen von britischen Fußballfans, wobei die eigenen, durchaus noch irgendwie mitschwingenden antisemitischen Ressentiments davon unberührt bleiben. Durch das allgemeine Abdriften der Fußballfankultur nach rechts wird der von allen gemeinsam immer neu gespielte Witz noch ambivalenter.

Aus seiner Eigendynamik und Binnenlogik heraus eskaliert das Zeichenspiel, das als Kraftwerk zur Gewinnung soziosemiotischer Energie dient, bis die allerschwersten Zeichen aufgerufen und irgendwann auch erschöpft sind: Es scheint [2003], dass seit den 1990er Jahren die Schärfe des Spiels insgesamt etwas abgenommen hat. [18]

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