1 1. Jürgen Klinsmann is a Jew

Chim chimmery, chim chimmery, chim chim charoo, 
Klinsmann was a Nazi but now now he’s a jew. [1]

Mit diesem Lied, gesungen nach einer Melodie aus dem Musical Mary Poppins, wurde 1994 der deutsche Fußball-Nationalstürmer Jürgen Klinsmann empfangen, als er nach London zu den Tottenham Hotspurs wechselte. Dahinter steckt nicht nur eine skurrile Geschichte, sondern eine überaus vertrackte semiotische Struktur.

Erstens wird hier zwar auf die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung der Juden angespielt, aber eigentlich spielen die Juden dabei gar keine Rolle. Seit etwa 1970 werden alle Fans und Spieler der Spurs als „jews“ oder „yids“ verspottet. Sie funktionierten dann selbst diese Bezeichnung schnell zum Abzeichen und Ehrennamen um. Noch heute nennt sich der harte Kern der Tottenham-Fans stolz „Yid Army“ und führt israelische Davidstern-Flaggen mit.

Zweitens wird hier „nazi“ gleichgesetzt mit „german“: Dass Klinsmann selbst ein ziviler und eher nachdenklicher Repräsentant der demokratischen Bundesrepublik ist, spielt dabei keine Rolle. Es scheint zwar, dass „Klinsmann was a Nazi“ eher die von gegnerischen Fans (hier: des FC Chelsea) gesungene Version war, während die eigenen Fans das freundlichere „Jurgen was a german“ bevorzugten, aber im Prinzip machte das kaum einen Unterschied.

Drittens verbirgt sich dahinter eine weitere Opposition: „german vs. british“. Die Briten sind der eigentliche Gegenpol der Deutschen: Es sind diejenigen, die singend den Ankömmling ihrem Sprachspiel unterwerfen, während ein entscheidendes Merkmal des „german“ die verkrampfte Humorlosigkeit ist. Dabei zerfallen die Briten selbst in „jews“ und „non-jews“: Die Anhänger der Tottenham Hotspurs und die Anhänger der anderen Vereine. Die einen übernehmen in diesem antisemitischen Spiel die Rolle der Juden, die anderen die Rolle ihrer Peiniger.

Und viertens sind natürlich, obwohl ihnen keine eigene Rolle zustanden wird, in diesem Spiel dennoch auch die Briten jüdischer Herkunft bzw. jüdischen Glaubens präsent: Als primärer Stein des Anstoßes für den Antisemitismus, der hier spielerisch aufgegriffen wird, aber auch als jüdische Fußballfans, die auch dann, wenn sie auf der Seite von Tottenham sind, die Identifikation der anderen Fans mit den „jews“ eher skeptisch betrachten. [2]

Dem durchaus selbstironisch gepflegten britischen Klischee zufolge ist „der Deutsche“ im Grunde immer ein „Nazi“, d.h. ein heiser bellender, stocksteifer und vor allem völlig humorloser Militarist, der noch deutlich die Merkmale des „Preußen“ aus dem Ersten Weltkrieg aufweist. Das Stereotyp geht nicht nur auf die seit den 1950er Jahren beliebten Weltkriegs-Filme zurück, in denen coole Briten immer neu die deutschen Nazis besiegten, sondern vor allem auf britische Comedians, die seit den 1960er Jahren immer wieder mit diesem Lieblingsklischee spielten. So kreierte der populäre BBC-Comedian Harry Enfield 1995 die Figur des politisch korrekten, humorlosen „Jurgen The German“, der als typischer Vertreter der bundesdeutschen Nachkriegsgeneration auftritt. Er gleicht dabei äußerlich dem „Golden Bomber“ Klinsmann („sporting cropped blonde hair – looking the true aryan“) und entschuldigt sich permanent auf aufdringlich selbstgerechte Weise dafür, Deutscher zu sein. Als sein jeweiliger britischer Gesprächspartner in jedem Sketch aufs Neue dieses Thema umgehen und herunterspielen will, wird Jurgen immer aufgeregter:

JURGEN I am German.
BRITISH Oh, right.
JURGEN I hope you do not find zis sickening. [slight pause] [
] I am named Jurgen.
BRITISH Oh!  Like Klinsmann. [slight pause as JURGEN’s good humour deserts him]
JURGEN I feel I must apologise for ze behaviour of Herr Klinsmann. How dare he come to your country – ze country zat is inventing football – and humiliate you viz his flashes of genius and lethal finishings! [slight pause] I feel I must apologise for ze conduct of my nation in the wor.  Ze only vay ve can make amends is by hunting down animals like Klinsmann and putting them on trial for their crimes. Am I correct?
BRITISH [sighs]
JURGEN Am I not correct?
BRITISH Look – I’m sorry …
JURGEN ANSWER ME, ENGLANDER! [He starts slapping the BRITISH around the face with his gloves as if asking for a duel] ANSWER ME!  YOU VILL ANSWER!  RESISTANCE IS USELESS, SCHWEINHUND! ANSWER ME!3

Jurgen weist in allen fünf Sketchen von vornherein die angeblich „deutsche“ Neigung auf, den freundlichen und höflich-zurückhaltenden Briten, dem er in verschiedenen Alltagssituationen begegnet, in eine selbstdefinierte, asymmetrische Beziehung zu zwingen: durch die aggressive Entschuldigung für „the wor“ wie auch durch rechthaberische und selbstgefällige Bemerkungen zur Pünktlichkeit der Busse, Härte der Währungen etc. Und am Ende zeigt sich dann unweigerlich, dass sich hinter der Maske des demokratischen Europäers doch der alte Nazi verbirgt, der sich die Welt und vor allem Großbritannien unterwerfen will.

Aber auch hier handelt es sich um ein Spiel mit zwei Ebenen. Nur vordergründig geht es um diese Opposition „german vs. british“, die genau dem typischen fremdenfeindlichen Muster folgt: Der Fremde ist unzivilisiert und Träger des gefährlichen Chaos, das er in ein geordnetes System einschleppt. Eigentlich ist die Identifikationsfigur nicht der hochzivilisierte, aber langweilige Middle Class-Brite, der mit Jurgen spricht, sondern der anarchische Sprach- und Zeichenspieler selbst, der „Jurgen the german” verkörpert. Seine Lust ist die gleiche wie die der singenden Fußballfans: Gegensätze grotesk zuzuspitzen und so aufeinander prallen zu lassen, dass daraus Energie entsteht. (So existieren Versionen des Chim Chimeree-Song mit „Saib was an arab“ und „Gazza was a geordie“.)

Die eigentliche Opposition ist wiederum also nicht die zwischen „nazi” und „the british”, sondern die zwischen den Briten als Meistern des anarchischen und respektlosen Humors und den Nicht-Briten, verkörpert von den sprichwörtlich humorlosen Deutschen. Auf die Entlarvung Jurgens als gewalttätiger Militarist scheint es gar nicht anzukommen: Das wird nur als groteskes Klischee zitiert. Keiner glaubte ernsthaft, dass der freundliche und politisch sehr korrekte Klinsmann eigentlich ein Nazi war. Tatsächlich gelang es ihm trotz oder gerade wegen der Jurgen-Sketche, das Image der „germans“ entscheidend zu verbessern, und zwar gerade dadurch, dass er demonstrativ „britischen“ Humor bewies. [4]

Und es geht noch um eine weitere Opposition: die zwischen middle class-Briten und working class-Briten. Die Rolle, die der Brite für die Dauer des lustvoll-gefährlichen Spiels mit chauvinistischen Stereotypen annimmt, trägt Merkmale einer spezifisch britischen working class-Kultur, zu deren Selbstverständnis und Kulturerbe eine besondere Vorliebe für selbstbezüglich-absurde Zeichenspiele gehört – vom „Rhyming Slang“ der Cockneys und den in Text und Melodie unübertroffen variantenreichen Gesängen der Fußballfans über die Schlagzeilen der berüchtigen Londoner Tabloids bis hin zu den Comedians und übrigens auch den britischen Popstars, die charakteristisch zwischen working class und art school changieren.

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