5 5. Martin the German (Der Fall Hohmann)

In einer Rede am deutschen Nationalfeiertag 2003 beklagte sich der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann über das Bild der Deutschen „vor allem im angelsächsischen Ausland“:

Man spricht von einer ‚Vergangenheit, die nicht vergehen will‘. Man räumt dem Phänomen Hitler auch heute noch in öffentlichen Darstellungen eine ungewöhnlich hohe Präsenz ein. Tausende von eher minderwertigen Filmen sorgen vor allem im angelsächsischen Ausland dafür, das Klischee vom dümmlichen, brutalen und verbrecherischen deutschen Soldaten wachzuhalten und zu erneuern. [26]

Dann allerdings hielt der Major der Reserve seine berüchtigte Rede, die fatal an den letzten Sketch um Jurgen the German erinnert. Der endet ebenfalls mit innerer Folgerichtigkeit bei „den Juden“. Es stellt sich nämlich beiläufig heraus, dass Jurgens Gesprächspartner, der höfliche Brite, diesmal jüdischen Glaubens ist:

JURGEN But you don’t understand!  I am of a different generation.  I like Jews!  And gypsies, and Bolsheviks, and qveers. [slight pause] My favourite kind of fellow is a Jewish Bolshevik qveer who lives in a caravan! Yes!  So – Christmas soon.  I like Christmas.  I like to to celebrate ze birse of Christ, a Jew.  Hurray!  A Jew is born!  And zen at Easter you killed him!  But zis is all in ze past.  All in ze past.  Like ze vor.  And now ve are all bruzzers and sisters in Eurhope.  Ha-ha!  How lovely.  Jolly good.  Yes!  Ve velcome not only you, but all peoples and nations and … gypsies and Slavs and uzzer underlinks into our glorious, united Eurhope – ZE CENTRE OF VHICH VILL BE BEHRLIN!  EIN REICH!  EIN VOLK!  EIN F-U-H-R-E-R! [JURGEN promptly leaps up and gives the nazi salute – before suddenly realising what he’s doing, and quickly running off.] [27]

Wie Jurgen beginnt Martin Hohmann mit scheinbar harmlosen Bemerkungen über unsolidarische Sozialhilfeempfänger, die in Florida leben oder sich Viagra bezahlen lassen. Aber: „Wir halten uns nicht zu lange mit vordergründigen Erscheinungen auf.“ Ebenso unvermittelt wie zwanghaft geht es plötzlich um „die Deutschen“, die hier ausdrücklich als „neurotisch“ begriffen werden. Diese Neurose gehe auf die nicht endende Brandmarkung „der Deutschen“ als „Tätervolk“ zurück.

Der Soldat Hohmann spart den Vorwurf, „the vor“ verursacht zu haben, gezielt aus und konzentriert sich auf die Verfolgung und Vernichtung der Juden, für die bei ihm „die NS-Diktatur“ bzw. „Hitler“ verantwortlich ist. Und auch Martin beteuert dabei mehrfach, ein guter Deutscher zu sein: „Wir alle kennen die verheerenden und einzigartigen Untaten, die auf Hitlers Geheiß begangen wurden.“ – „Ja, das Unangenehme, das Unglaubliche, das Beschämende an der Wahrheit, das gilt es auszuhalten.“

Dann aber bricht es aus ihm heraus wie aus Jurgen: Gibt es denn nicht auch „beim jüdischen Volk, das wir ausschließlich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte“? Haben nicht „die Juden“ in statistisch auffällig großer Zahl die bolschewistische Revolution getragen und geprägt, die Millionen Opfer forderte? Ist es nicht so, dass man die jüdischen Bolschewisten allgemein als Juden wahrnahm, obwohl sie selbst ihr Judentum leugneten? Gibt es nicht eine innere Verbindung von jüdischer Religion und Bolschewismus? War Marx nicht ein Nachfahre von Rabbinerfamilien? Und haben nicht erst die jüdischen Revolutionäre in München durch eine Erschießung rechtsradikaler Geiseln den „giftigen Antisemitismus“ der Nationalsozialisten befördert? Sind also nicht „die Juden“ „mit einiger Berechtigung“ ein „Tätervolk“ zu nennen? (Das Ja auf diese Frage suggeriert die ganze Rede ständig neu, auch wenn sie es ganz am Ende sehr doppelzüngig scheinbar relativiert.)

Hohmanns Rede liefert eine lehrbuchartige Demonstration, wie lupenreiner „sekundärer Antisemitismus“ [28] expliziten und direkten Antisemitismus nach sich ziehen kann. Am eigenen Leib zeigt Hohmann, wie die „innere Abwehrhaltung“ in Aggression umschlägt. Wenn die Reaktion einmal in Gang gekommen ist, saugt sie gleichsam semiotischen Brennstoff an, um den Prozeß am Laufen zu halten.

Eine ganze Reihe tabuisierter ‚primärer’ Figuren wird dabei mehr oder weniger offen aufgegriffen: „die Juden“ als Gegenspieler des christlichen Abendlandes, die jüdische Weltverschwörung (als bolschewistische Weltrevolution und als globale pressure group, die endlose Entschädigung und Unterwerfung fordert), die jüdische Raffinesse (die „Funktionalisierung“ der Opferrolle), die jüdische Geldgier (wobei das Geld „der Deutschen“ gerade in Hohmanns Rede die wichtigste Rolle spielt) … Beiläufig, aber wirkungsvoll wird auch die Argumentation Ernst Noltes im „Historikerstreit“ aufgegriffen und antisemitisch aufgeladen: Die totalitäre NS-Diktatur erscheint indirekt als – durchaus bedauerliche – komplementäre Reaktion auf den jüdisch-bolschewistischen Terror.

Aber bricht „es“ wirklich aus Hohmann heraus? Ist die Rede wirklich eine Äußerung eines zeitlosen antisemitischen Reflexes,[29] der irgendwo in den Untiefen der Hohmannschen Seele geschlummert hat und bislang nicht einmal von grünen Parlamentarier-Kollegen erkannt worden war?[30] Handelt es sich um die vulgärfreudianische „Wiederkehr des Verdrängten“? Ist die anscheinende Unwiderstehlichkeit des Vorgangs ein Beleg für die „Tiefe“ der Traumata?[31]

So neurotisch Hohmanns Rede zweifellos anmutet: Eine so weitreichende Annahme lässt sich daraus jedenfalls nicht direkt folgern. Sogar Freud selbst hat ja seine großen tiefenpsychologischen Diagnosen und Theorien erst nach eingehenden Textanalysen aufgestellt, deren Akribie noch heute vorbildlich für Kulturwissenschaftler sein sollte. Denn was auch immer diese Rede sonst noch sein mag: Sie ist zuerst einmal ein suggestives und verschachteltes Spiel mit Zeichen, das gerade deshalb die unterschiedlichsten historischen und kulturellen Kontexten überbrücken kann, weil es so abstrakt ist.

Das ist durchaus vergleichbar mit den britischen Sprachspielen: Auf das unübersichtliche soziosemiotische Universum am Ende des 20. Jahrhunderts werden die wiederbelebten alten nationalen Differenzen projiziert. Wo am Anfang der Rede ein symbolisches Durcheinander herrscht, sind am Ende klare Verhältnisse geschaffen: „die Deutschen“ gegen „die Ausländer“ (die wieder in europäische und nicht-europäische Ausländer zerfallen), „das deutsche Volk“ gegen „das jüdische Volk“, die Gottgläubigen gegen „die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien“. Alle Zeichen und semantischen Achsen sind so konstruiert, dass sich genau eine eindeutige positive Schnittmenge ergibt: „die gottgläubigen, hart arbeitenden, opferbereiten Deutschen“. (So wie das britische Comedy-Sprachspiel immer auf den „humorvollen, zugleich zivilisierten und männlich-vitalen Briten“ zielt.)

Die als negativ gesetzten Größen erscheinen demgegenüber als nachrangige Setzungen: Ihr Verhältnis zueinander ist kompliziert und in sich widersprüchlich. Immer ist jedoch klar, dass es am Ende nur eine kulturell eingeführte Größe gibt, die alle Merkmale aufweist, die nötig sind, um quasi als Kontrastmittel Hohmanns idealen Deutschen herbei zu beschwören: „die Juden“, genauer gesagt die „gottlosen Juden“, insofern sie nämlich die eigene „jüdische Religion“ aufgegeben und sie durch sozialistische und internationalistische „Ideologien“ ersetzt haben, was aber zugleich laut Hohmann der inneren Tendenz dieser Religion selbst entspricht.

Hohmanns sekundärer Antisemitismus geht eben nicht von ‚primären‘ antijüdischen Ressentiments aus, sondern landet erst nach einer Art semiotischer Eskalationsschleife beim frei flottierenden Superzeichen „die Juden“ – ebenso folgerichtig wie die britischen Comedians und die Londoner Fußballfans. In gewisser Hinsicht hat deshalb der deutsche Brigadegeneral Günzel, der in einem privaten Brief an Hohmann dessen „mutige Rede“ gelobt hatte und deshalb umgehend entlassen wurde, nicht gänzlich Unrecht, wenn er sich den Vorwurf des Antisemitismus anfangs gar nicht erklären kann: „Es ging Herrn Hohmann […] darum, Normalität für das deutsche Volk herzustellen. Das war seine Schussrichtung.“

Die Rede zeigt aber, dass in dieser „Schussrichtung“, gewollt oder nicht, letztlich doch immer „die Juden“ stehen müssen. Ausgangspunkt und Kernfigur ist der Begriff „Tätervolk“. Hohmann führt ihn ein, weil er wieder vom „deutschen Volk“ sprechen will. Weil das unbefangen nicht mehr geht, legitimiert er es sehr dialektisch dadurch, dass er den angeblich allgegenwärtigen Vorwurf an „die Deutschen“ halluziniert, sie seien ihrem Wesen nach ein „Tätervolk“. Wenn dieser Vorwurf dann spiegelfechtend widerlegt ist, soll am Ende der Zeichenkettenreaktion im Sprachlabor die gereinigte Substanz übrigbleiben: das „deutsche Volk“.[32]

Weil aber jede Bedeutung nur entsteht, indem ein Unterschied gemacht wird, braucht Hohmann für sein phantomhaftes „deutsches Volk“ auch eine oppositionelle Größe und unterstellt so „den Juden“, nicht minder „Tätervolk“ zu sein als „die Deutschen“. Entscheidend ist weniger die abstruse Begründung als das angestrebte Endresultat dieser „Gleichbehandlung“: Rehabilitierte Deutsche, die ihre Buße geleistet haben, stehen einem unter schwere Anklage gestellten „jüdischen Volk“ gegenüber, das seine mindestens ebenso große Schuld weder eingestanden noch gutgemacht hat.

„Die Juden“ werden hier, wie schon im „klassischen“ Antisemitismus zu Ende des 19. Jahrhunderts, nicht nur als kontrastierendes Feindbild, sondern zugleich auch als heimliches Vorbild gebraucht.[33] Schon damals sah man sie als „das Volk“ schlechthin: das faszinierende Urbild einer kulturellen wie biologischen Einheit, deren Geschlossenheit und Kohärenz gerade „die Arier“ bzw. „die Deutschen“ aus eigener Kraft nie zustande brachten.

Dabei scheint gerade die ausgeprägte semiotische Dimension der jüdischen Kultur eine entscheidende Rolle zu spielen: Himmler, Eckhart, Dinter und viele andere Antisemiten beschäftigten sich geradezu fanatisch mit den elaborierten, spezifisch „jüdischen“ Zeichensprachen, vom Talmud bis zu Mimik und Gestik. Die karikierbaren Juden unserer Jahrhundertwende sind aber nun Medienstars: Michel Friedman und Marcel Reich-Ranicki.

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