4 4. Sekundärer Antisemitismus

Der Tottenham-Antisemitismus ist nicht nur eine groteske Fußnote. Er ist so etwas wie ein Laborversuch für das, was man inzwischen allgemein als sekundären Antisemitismus ohne Antisemiten und ohne Juden begreift.[19]

Das ist die zusammengesetzte Formel, mit der inzwischen allgemein der merkwürdige antisemitische Diskurs bezeichnet wird, der sich seit ca. 1970 herauskristallisiert hat und an die Stelle von direkten Angriffen, wie sie vor 1945 üblich waren, nun sehr indirekte und verklausulierte, eben ‚sekundäre’ Anklagen setzt.

Ohne Juden“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass nun auch nicht mehr rhetorisch auf angebliche „Erfahrungen mit Juden“ verwiesen kann – schlicht deshalb, weil sie vertrieben und vernichtet worden sind. Auch dadurch entstehen zwangsläufig eigentümlich abstrakte Redefiguren. „Ohne Antisemiten“ bedeutet, dass der herkömmliche Antisemitismus nach 1945 zumindest im seriösen öffentlichen Diskurs vollständig diskreditiert ist.

Der Satz „Ich bin Antisemit“ kann nun nicht mehr ausgesprochen werden. Der Tendenz nach antisemitische Äußerungen sind nur noch dann noch möglich, wenn der Urheber gleichzeitig beteuert, kein Antisemit zu sein.
Der Begriff „sekundärer Antisemitismus” wird insgesamt recht unsystematisch für alle Formen des „Antisemitismus nach Auschwitz“ verwendet, die erstmals Adorno und Arendt Ende der 50er Jahren untersuchten.20

Zu unterscheiden sind hier eigentlich zwei Formen: Raffiniert getarnte Bezugnahmen auf den alten ‚primären Antisemitismus’, etwa durch antisemitische „Namenpolemik“ oder Anspielungen auf die „amerikanische Ostküste“,[21] die übrigens in Österreich sehr viel häufiger und salonfähiger zu sein scheinen als in Deutschland.[22] Im deutschen Diskurs, der durch wirksamere Tabuisierung und vielleicht auch durch partielle Einsicht wesentlich empfindlicher auf antisemitische Anspielungen reagiert, überwiegt dagegen ein „sekundärer Antisemitismus“ im engeren Sinn, d.h. Äußerungen, die sich auf die prägnante, von Henryk Broder popularisierte Formel beziehen lassen: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“[23]

Im folgenden werde ich „primär“ diejenigen Formen des Antisemitismus nennen, die sich direkt oder indirekt auf das Feindbild ‚des Juden’ beziehen, wie es sich v.a. in der Blütezeit des modernen Antisemitismus zwischen ca. 1850 und 1945 ausdifferenziert hat. „Sekundär“ nenne ich demgegenüber die Äußerungen, die das Wissen um den Holocaust nicht ausklammern, sondern einbeziehen. Die meisten folgen dem Schema „Die Juden nutzen die Erinnerung an den nationalsozialistischen Holocaust für eigene Zwecke aus“.24 Das trifft grundsätzlich auch auf antiisraelische und antizionistische Äußerungen zu, insofern der Staat Israel in der heutigen Form eine historische Folge des Holocaust ist. Die andere wichtige Argumentationsfigur ist die Relativierung und Vertauschung des Täter-Opfer-Verhältnisses, indem „die Juden“ als „Täter“ (sei es in Israel, sei es in der russischen Revolution) bzw. „die Deutschen“ (mit expliziter Beziehung auf „die Juden“) als „ebenfalls Opfer“ dargestellt werden.

Sekundär“ kann man diesen Antisemitismus nennen, weil er den gesamten „primären Antisemitismus“ eben nicht leugnet, sondern gerade als historisch abgeschlossenen Komplex, in der Regel zum Schlagwort „Auschwitz“ verdichtet, zur Grundlage eines neuen Aussagesystems macht. Semiotisch gesehen handelt es sich also um einen „Antisemitismus zweiter Ordnung“, strukturell analog einem „sekundären semiologischen/semiotischen System“ – ein Terminus, den Barthes für die medialen „Mythen des Alltags“ eingeführt und den dann Jurij Lotman zur grundsätzlichen Charakterisierung literarischer Texte verwendet hat.[25]

Barthes und Lotman meinen damit ein Zeichensystem, das nicht auf ‚Primäres’ referiert, sondern selbst schon auf ein komplexes Zeichengebilde: Eine semiotische Einheit, bestehend aus Signifikant, Signifikat und (in der Tradition von Peirce) Referenz, wird als Ganzes zu einem Signifikant zweiter Ordnung, der nun ein eigenes komplexes sekundäres Signifikat erhält. In diesem sekundären Signifikat schwingt dann notwendig das primäre immer schon mit.

So beschwört also das Stichwort „Auschwitz“ im sekundär-antisemitischen Kontext, gewollt oder ungewollt, immer auch die primär-antisemitischen Signifikate herauf. Resultat sind semantische Kurzschlüsse zwischen sekundärer und primärer Ebene. Diese selbst können wiederum der Tendenz nach primär sein, wie etwa zwischen den Entschädigungsforderungen für Ex-Zwangsarbeiter und den „blutsaugenden Geldjuden“ und „Rechtsverdrehern“, oder aber sekundär: Wenn sich eine Relation herstellt zwischen den israelischen „Tätern“ in palästinensischen Flüchtlingslagern und den jüdischen KZ-Opfern, was dann indirekt die völlig ahistorisch-abstrakte, aber suggestiv wirksame Vorstellung einer semiotischen Wagschalen-Situation evoziert, die durch entsprechende Schuld „der Juden“ irgendwie ausgeglichen oder abgeschwächt wird.

Wesentlich für den „sekundären Antisemitismus“ ist also, dass er in einem noch ausschließlicheren Sinn als frühere Antisemitismen als ein Sprachspiel auftritt, dass sich vom „primären“ praxisbezogenen Sprachgebrauch, der implizit oder explizit auf die konkrete praktische Ausgrenzung identifizierbarer jüdischer Personen zielt, abgelöst hat. Er bleibt demgegenüber von vornherein auf einer eigentümlich vagen semantischen Ebene. Typischer Weise zielt er nicht auf konkret benennbare Ausgrenzungsakte. Offensichtlich handelt es sich in erster Linie es sich um einen Kampf um symbolische Identität und semiotische Hegemonie. Diese Eigendynamik und Binnenlogik des antisemitischen Sprachspiels wird gerade am Tottenham-Beispiel besonders gut sichtbar, weil es hier im Wortsinn um Nichts geht.

Demgegenüber macht diese Untersuchung versuchsweise ernst mit der Formel des „Antisemitismus ohne Juden und ohne Antisemiten“. Wenn kaum einer von vornherein „Antisemit ist“ und reale und eingebildete „Erfahrungen mit Juden“ keine Rolle spielen, bleibt eben nur noch eine scheinbar oberflächliche Ebene übrig: die des sekundären semiotischen Systems.

Damit wird der „sekundäre Antisemitismus“ zugleich als Erscheinung der neuen Medienkultur lesbar, die sich ja historisch parallel zum neuen demokratischen Selbstverständnis der deutschsprachigen Gesellschaften nach 1970 herausbildete. Gerade die erste deutsche Mediengeneration war Träger des neuen Konsenses, der jede Äußerung des „primären Antisemitismus“ tabuisiert und zugleich im Gegenteil „den Juden“ in Filmen, Romanen, Ausstellungen usw. als ästhetisch faszinierende Identifikationsfigur, als symbolische Verkörperung des heroisch-leidenden Menschen im bürgerlich-zivilisierten 20. Jahrhundert entdeckt.

Die Medienkultur der 1970er Jahre ermöglichte neue, abstraktere Kommunikationsprozesse, die sich von „gewachsenen“, ideologisch auf das ‚Primäre’ bezogenen Gesellschafts- und Diskursformen ablösen. Zugleich warf sie aber gerade auf der semiotischen Ebene neuartige Probleme auf. Eine dieser Folgeerscheinungen ist der „sekundäre Antisemitismus“.

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