8 8. Tod eines Kritikers (Der Fall Walser)

Es gibt neben Friedman eine andere umstrittene Medienfigur, die zwar nie als Verkörperung des „deutschen Juden“ wahrgenommen wurde, deren jüdische Herkunft aber allgemein bekannt ist: Marcel Reich-Ranicki. Der stand fast gleichzeitig im Mittelpunkt des Skandals um Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers (2002). Die Story:[41]

Der Fernseh-Literaturkritiker Ehrl-König, überdeutlich als Karikatur Reich-Ranickis erkennbar, verschwindet spurlos. Hans Lach, ein von E-K in der letzten Sendung verrissener Romancier, der Merkmale mit dem Autor Walser teilt, wird des Mordes verdächtigt, weil er danach auf einer Literatenparty für E-K aufgetaucht ist und angeblich geschrien hat, dass „nach Mitternacht zurückgeschlagen“ werde. Er wird verhaftet, in die Psychiatrie eingeliefert, schweigt, gesteht und widerruft. Er wird in den Medien und im Literaturbetrieb um so mehr für den Täter gehalten, als man ihm nicht nur Rache sondern, wegen sehr undeutlicher Indizien, auch Antisemitismus als Motiv unterstellt.

Der Ich-Erzähler, ein Freund Lachs, der sich als introvertierter Gelehrter „Michel Landolf“, Spezialist für „Mystik, Kabbala, Alchemie“, identifiziert, macht sich auf die Suche nach Indizien und Beweisen für Lachs Unschuld. Er sammelt Medienberichte, studiert Lachs Texte und holt Aussagen und Meinungen von Literaturbetriebs-Akteuren ein, die Lach kennen. Diese Ich-Erzählung bricht ab mit dem Wiederauftauchen E-Ks, der sich mit einer Geliebten auf eine Insel zurückgezogen hatte. Sie selbst wird nun als fiktionale Konstruktion des wieder auf freiem Fuß befindlichen Hans Lach erkennbar, der sich als Erzähler demaskiert.

Am Ende beginnt dieser Lach mit der Niederschrift eines Textes, der deckungsgleich mit dem vorliegenden Roman Walsers ist. Innerhalb der dargestellten Welt des Textes ist dieser Roman also eine Selbsterforschung Lachs, der sich romanschreibend in zwei Figuren aufspaltet und so eine literarische Untersuchung gegen sich selbst durchführt.

Der ganze Text „Tod eines Kritikers“, und damit die darin enthaltenen Aussagen, sind also am Ende fünffach codiert:

Erstens als von „Landolf“ rekonstruierte Kriminalerzählung, in der es um die Schuld Hans Lachs geht – auf dieser Ebene, also als Teil der Fiktion, sind die meisten potenziell antisemischen „Stellen“ angelegt;
zweitens als Reflexion und Meditation des leisen, vorsichtigen, sich selbst extrem zurücknehmenden „Landolf“;
drittens als brillantes und provozierendes autobiographisches Sprachspiel Hans Lachs, der sich darin wieder aufspaltet in den extrovertierten Romanautor und Sprachkünstler „Lach“ und in den introvertierten „Schreiber“ und Mystiker „Landolf“ – auf dieser Ebene, als Teil der Meta-Fiktion, liegen also eigentlich alle potenziell antisemitischen „Stellen“, und zwar sowohl diejenigen, die explizit Teil der Kriminalhandlung sind, als auch die übrigen Verweise auf Juden und Jüdisches;
viertens als brillantes und provozierendes autobiographisches Sprachspiel des „Autors Walsers“, der in diesem Schlüsselroman als „Erzählerfigur“ (bzw. „Schreiberfigur“) gewissermaßen den inneren Rand des Textes bildet;
fünftens als „Schlüsselroman“, d.h. ein spezifisch sprachspielerisches Statement des Autors Walser, hier verstanden als Akteur im sozialen und medialen Raum, das zu einem komplexen Meta-Text ergänzt und kommentiert wird durch andere fiktive und nicht-fiktive Texte Walser (Interviews, Reden, autobiographische Texte, andere Romane).

Auf diese fünf Ebenen müssen sich nun die zwei umstrittenen Äußerungen bezogen werden, die (möglicherweise) in der fiktiven Wirklichkeit des Romans-im-Roman gemacht wurden und vage Anspielungen auf den Nationalsozialismus enthalten. Zum einen handelt es sich um das angebliche Zitat der Hitlerschen Kriegserklärung an Polen durch den wütenden Lach, von dem unklar ist, ob es „wirklich gesagt“ oder ob dies, wie der Text nahe legt, nur von den Medien behauptet wurde (der seriöse Silberfuchs hat nichts dergleichen gehört). Zum anderen handelt es sich um ein Tonband, auf dem der volltrunkene Lach seinen Tötungswunsch gegen Ehrl-König äußert und auf dem ein anderer, ebenfalls volltrunkener Schriftsteller ihn mit dem „Chaplindiktator“ (in der inoffiziellen Erstfassung mit dem NS-Richter Freisler) vergleicht.

In letzterem Fall legt der Text selbst (89) explizit nahe, was auf der Ebene der Erzählkonstruktion ohnehin zwingend zu folgern ist: Die narrativ mehrfach gebrochenen und abgespaltenen Äußerungen repräsentieren so etwas wie eine extreme Stimme innerhalb der quasi-multiplen Identität des Erzählers – wobei wiederum gezielt im Unklaren gelassen wird, ob die den ‚wirklich‘ agierenden Figuren zuzurechnen ist (also Lach bzw. Streiff) oder selbst eine Konstruktion darstellt (durch den böswilligen Literatur- und Medienbetrieb bzw. durch den Romanautor Lach, der ja von einem Tonband erzählt, das dem fiktiven „Landolf“ vorgespielt wird).

In jedem Fall wird aber damit gespielt, dass diese Äußerungen auch eine entsprechende Stimme innerhalb der Meta-Erzählerfigur „Walser“ (Ebene 4) repräsentieren. Darüber hinaus sind sie noch, auf der textexternen Ebene, Teil des sehr komplexen Statements, dass der literarisch-soziale Akteur Martin Walser macht (Ebene 5).

Die vielfältigen Distanzierungen und Brechungen, die der Text vornimmt, beinflussen zwar sehr wohl die Pointe der Aussagen, aber sie ändern letztlich nichts daran, dass diese durchaus zu Recht innertextuell der Erzählerfigur „Walser“ und außertextuell der öffentlichen Person Walser zugerechnet werden können. Für den Antisemitismus-Vorwurf ist entscheidend, wie sie sich zu der Gesamtaussage des Textes verhalten. Und da ist allerdings festzustellen, dass Walser in unverantwortlicher wie in künstlerisch defizitärer Weise das große Sujet „Antisemitismus“ nur anreißt, das zwingend Teil seines speziellen Sujets (Todeswunsch gegen den Kritiker Reich-Ranicki) ist.

Deutlich wird das an zwei weiteren Stellen, an denen es nicht um ‚echte‘ oder ‚vorgebliche‘ Figurenäußerungen, sondern um Setzungen des Textes innerhalb der dargestellten Welt geht:

Die zitierten (angeblichen) Figurenreden sind dann nicht harmlos, wenn sie auf der Ebene des Gesamttextes mit ihrerseits nicht aufgelösten, antisemitisch lesbaren Textaussagen korrelieren. Eben das ist der Fall. In dieser Hinsicht hat Schmitter trotz ihrer recht schlampigen Argumentation Recht,[42] wenn sie auf die beiden einzigen Figuren des Textes hinweist, die „jüdisch“ sind: den machtgeilen und sexgeilen Kritiker, Virtuosen der substanzlosen Medienrede und Vernichter der Existenz des „tiefen“, in der deutschen Tradition verwurzelten Autors Lach, und den superreichen Sammler „Lessing Rosenzweig“, der ein Manuskript William Blakes den Liebhabern „tiefer“ Mystik weggekauft. Eine jüdische Figur, die nicht perfekt ins antisemitische Schema passt, fehlt.[43] Und in keinem Fall ist es für einen Roman ein Argument, dass sich etwas „wirklich“ so verhalte: dass es etwa schwerreiche jüdische Sammler tatsächlich gebe, [44] oder etwa auch einen Fernsehkritiker beiläufig jüdischer Herkunft, der sich so und so zur Sprache, zu ernsthaften Autoren und zu dichtenden Blondinen verhalte.

„Antisemitismus“ wird vom Text selbst genau einmal auf oberflächliche und ungenügende Weise thematisiert: Als nämlich der (vermutete) Mord Lachs in „den Medien“ plötzlich nicht mehr als Racheakt des verletzten Autors, sondern als Mord an einem Juden interpretiert wird (94). Und genau hier, wo es interessant wird, versucht sich der Text durch einen Taschenspielertrick den Implikationen des eigenen Spiels zu entziehen: Denn die jüdische Herkunft des fiktionalen André Ehrl-König wird hier als nicht eindeutig gesetzt, weshalb die Mutmaßungen darüber zum medialen Sprachspiel erklärt werden können, während der Marcel Reich-Ranicki ja zweifellos Überlebender des Warschauer Ghettos IST. Das aber ist unredlich, weil Reich-Ranicki eben nicht nur eine außertextuelle, sondern als eindeutigste Figur des Schlüsselromans eben auch eine innertextuelle Größe ist.

Der Text konstruiert also ein hochkomplexes System von Verschiebungen, Brechungen und Auslassungen, aber dieses System bleibt seinerseits als solches fragmentarisch. Nun bleiben derartige „Nullpositionen“ aber nicht leer, sondern verlangen gemäß dem semantischen System der Kultur nach einer Füllung. [45] Und es kommt hier genau nur ein im kulturellen Wissen vorauszusetzendes System von Annahmen in Frage, das zur innertextuell aufgebauten Spielanordnung passt: der im Text signifikant ausgeklammerte, verwaschene, autorlos-ungreifbare, aber eben doch real wirksame Diskurs des sekundären Antisemitismus.

Walser ist glaubwürdig, wenn er versichert, sein Roman handele in erster Linie von den Medien und nicht von den Juden. Das war schon bei seiner nicht minder umstrittenen Preisrede [46] der Fall. Walser beweist nur selbst, dass im System des sekundären Antisemitismus beides nicht zu trennen ist. Er geriert sich als Medium einer authentischeren „Sprache“, und er endet wie Hohmann als Martin the German.

Und besonders fadenscheinig sind seine Ausreden, die die eigene Selbststilisierung zum reinen Parzival, unangefochten von den Winkelzügen des Medienbetriebs, ad absurdum führen. Der Autor einer so ausgetüftelten narrativen Konstruktion, die gerade besonders deutlich hervortritt an den prekären Stellen, die auf die NS-Zeit anspielen, kann sich nicht hinterher einfach dumm stellen und fordern, nicht „in Wortfelder und Urteilsbarbareien“ hineingezogen zu werden, „die nichts mit mir zu tun haben“.[47] Und er kann sich schon gar nicht scheinbar naiv auf die „Wirklichkeit“ berufen:

Es ist, bitte, niemand umgebracht worden. Der Kritiker lebt. Das wird mir jetzt als Trick ausgelegt. Ich versichere Ihnen: Ich hätte nie einen Roman schreiben können, in dem der Kritiker wirklich umgebracht wird. Es ist eine Komödie. [48]

Natürlich spielt auch Walser beide Rollen: „Jurgen the German“ und zugleich den Comedian, der Jurgen erfindet und verkörpert,den virtuosen und souveränen Romancier und Literaturbetriebs-Insider, der das Spiel gezielt ins Rollen bringt. Aber es scheint, als habe er sich mit dieser Doppelrolle bei weitem überfordert. Das Spiel, das er angezettelt hat, war größer als er selbst.

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