7 7. Vorsicht Friedman! (Der Fall Möllemann II)

Das Sprachspiel um Karsli glich eher Wittgensteins Schachspiel als dem wilderen und vageren Fußballspiel. Die Eigendynamik der Zeichenkettenreaktion kam erst mit dem zweiten Teil der Möllemann-Affäre richtig in Gang. Dort wurde ebenfalls die zentrale rhetorische Figur des sekundären Antisemitismus verwendet: die Parallelisierung und mehr oder minder offene Umkehrung von Täter und Opfer. Karsli hatte die israelischen Repressionen in den Palästinensergebieten mit dem Vorgehen der NS-Diktatur in den KZs verglichen. Und nun warf Möllemann selbst Michel Friedman vor, er fördere mit „seiner arroganten und gehässigen Art“ eben den Antisemitismus, den zu bekämpfen er vorgebe.

Einerseits handelte es sich bei diesem Vorwurf Möllemanns um eine exemplarische Variante des „sekundären Antisemitismus“: die als Mahnung ausgegebene self-fulfilling prophecy, dass gerade das jüdische Beharren auf der deutschen Schuld den Antisemitismus fördere. Andererseits war dieser Angriff insofern ‚primär‘, als er sich nun nicht mehr ins Nebulöse richtete, sondern auf den einzigen konkreten Referenten, den der sekundäre Antisemitismus ohne Antisemiten und ohne Juden seinem Wesen nach überhaupt noch haben kann: einen medialen Juden.

Und diese extrem exponierte Rolle ist erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte mit einem Menschen aus Fleisch und Blut besetzt. Erstmals hat sich jemand als Platzhalter des jüdischen Deutschen in der neuen Mediengesellschaft zur Verfügung gestellt: Michel Friedman, dandyhafter Medienpromi und umstrittener Talkmaster der Sendung Vorsicht Friedman!

Wie ausgesetzt und riskant diese Position ist, zeigt schon die Tatsache, dass sich vor Friedman noch nie ein jüdischer Deutscher so weit vorgewagt hatte. Mit der bedingten Ausnahme von Ignatz Bubis waren die öffentlichen Exponenten des Judentums in Deutschland immer korrekte, seriöse, farblose Figuren vom Schlag Heinz Galinskis oder Paul Spiegels gewesen. Friedmans Aufstieg zum stellvertretenden Vorsitzenden im Zentralrat der Juden in Deutschland wurde dort mit ebenso großem Unbehagen betrachtet wie der „Yid“-Kult in Tottenham von den jüdischen Londonern.

Seitdem jedoch in der Nach-Brandt-Ära, die auch eine neue Medienära war, ein neuer „philosemitischer“ Diskurs hegemonial geworden war, hatte sich eine immer größere Lücke geöffnet. Nach 1970 gab es eine vollkommen neue Art, über „die Juden“ zu sprechen, aber dieser Diskurs war im buchstäblichen Sinn sekundär: Die, über deren Kultur immer eifriger gesprochen und geschrieben wurde, hatten keinen öffentlichen Exponenten. Reich-Ranicki war noch keine öffentliche Figur, Ralf Giordano füllte die Rolle offenbar nicht aus. Henryk Broder wollte oder durfte nicht. Stattdessen traten deutsche, zum Overacting neigende Juden-Darsteller auf: Nach Ivan Rebroff, der in Deutschland Shmuel Rodensky als Verkörperung des Milchmanns Tevje verdrängte, kamen Lea Rosh und André Heller, Ulla Berkewicz und Iris Berben. Dadurch wurde aber die Leerstelle eher noch spürbarer – bis endlich eben der einsprang, den Broder so charakterisiert:

Friedman ist der Jud Süß unserer Tage. Er ist gebildet, begabt, ehrgeizig, eloquent, tüchtig, und – geben wir es zu – auch ein wenig schmierig. Nicht wegen seiner Frisur, sondern weil er sich so bedenkenlos überall anbiedert. Nichts ist ihm peinlich. Er lässt sich zum »Krawattenmann des Jahres« wählen und posiert mit Bärbel für das Titelblatt der Bunten (oder war es die Gala)? Er ist ein weißer Neger, der Musterjude der Anti- wie der Philosemiten. Sie schätzen ihn, weil sie jemand brauchen, den sie zugleich fürchten, hassen, bewundern und beneiden können. Es kann sein, dass Friedman nichts dafür kann, dass er es einfach genießt, im Rampenlicht zu stehen, bei der Bambiverleihung, auf der Unicef-Gala und am Holocaustgedenktag. Dass er es einfach toll findet, oben zu sein, als CDU-Mann, der dem Kanzler die Leviten liest, als Vize des Zentralrates der Juden, der vom Papst empfangen wird, als Fernsehmoderator, der seine Gäste platt macht. Aber so ein Leben im Heißluftballon mit Turbomotor hat […] seinen Preis. [39]

Die Medien und die Juden: Das ergibt ein Schwindel erregendes Vexierspiel mit dem Sekundären und dem Primären. In der Auseinandersetzung Möllemann vs. Friedman setzte es sich in weiteren Spiralen fort. Ausgerechnet Möllemann, dessen Lebenselement seit jeher die Medien waren, profilierte sich in den Medien als mutiger Kämpfer gegen eben diese von Friedman verkörperten Medien. Und der war ja selbst zum Medienstar geworden, gerade weil er in den Medien als Moralist auftrat, der gezielt gegen die Gepflogenheiten eben dieser Medien verstieß.

Mut. Klartext. Hohmann Möllemann Friedman: Man sieht, dass es gerade die Medien selbst sind, die die neue inhaltsleere Rhetorik und Ideologie des Primären selbst immer wieder hervor bringen, weil sie fossilen Brennstoff für ihr sekundäres Zeichenkraftwerk benötigen. Aber dennoch stehen Hohmann, Möllemann und Friedman nicht auf derselben Stufe.

Friedmans Konzeption von „Klartext“ hat jedenfalls den Vorzug, den Widersprüchen des Medienzeitalters nicht auszuweichen, sondern sie geradezu auszuleben: Als Talkmaster brach er gezielt die ungeschriebenen Regeln des „Nullmediums Fernsehen“ (Enzensberger) im Umgang mit Politikern und Prominenten. Er packte sie am Arm, ließ sie nicht ausreden, fragte immer wieder nach und machte so deutlich, dass die Regeln der „Höflichkeit“, die einmal für den bürgerlichen Umgang von Angesicht zu Angesicht gemacht worden waren, in simulierten Fernsehgesprächen von vornherein nur ideologische Funktion haben.

Noch schlimmer: Der Dandy, der seine Eitelkeit sympathisch deutlich zu Schau stellte, zeigte auch offen, dass es ihm keineswegs unangenehm war, auf diese Weise selbst zum Medienstar zu werden.

Das alles rief und ruft [2003] noch immer erstaunlich heftige Antipathien hervor – nicht nur beim „Volk“ und beim nicht minder eitlen Möllemann, sondern auch bei hochkultivierten Menschen. Und diese Antipathien selbst würde es auch dann geben, wenn Friedman nicht jüdischer Herkunft wäre, obwohl ihn das fraglos noch unbequemer macht. Das Problem ist nur, dass man Friedman nicht ablehnen und seine jüdische Herkunft dabei ausblenden kann. Denn seine Sonderrolle kann er nur deshalb spielen, weil er offen als „Jude“ auftritt: als letzter Mohikaner des Primären in der heillos sekundären Welt der Medien.

Darin liegt auch der wahre Kern der beliebten Klage über das berühmte „Minenfeld“, in das sich tatsächlich jeder zwangsläufig begibt, der öffentlich Kritik an Personen übt, die unter irgendeinem Gesichtspunkt als „Juden“ gelten. Nur: Darüber zu jammern ist mindestens dumm, wahrscheinlich unredlich und meist heuchlerisch und berechnend.

Tatsächlich zeigt nämlich jeder Blick in die bundesdeutschen Medien der letzten Jahre, dass es pure Erfindung ist, wenn behauptet wird, man dürfe gegen einen Literaturkritiker, Talkmaster, israelischen Ministerpräsident usw. einfach nichts sagen, „weil sie Juden sind“. Man darf etwas gegen sie sagen, und es wird auch gesagt. Aber man sollte es ganz sicher nicht einfach sagen dürfen. Wir sind unrettbar im Sekundären gefangen, und jede Berufung auf den common sense ist, mindestens im Zusammenhang der medialen Rede, selbst immer schon ideologisch und regressiv. Denn das eigentliche Minenfeld ist unsere mediale Lebenswelt selbst, die zu einem sehr wesentlichen Teil aus vielschichtig sich überschneidenden Texten und Kontexten besteht.

Friedman hat sich der Medienkultur mit Haut und Haaren zur Verfügung gestellt. Er hat sich ihren Widersprüchen ausgesetzt, und das ist vermutlich auf Dauer schwer lebbar. Schon bevor er über Kokain und osteuropäische Prostituierte stürzte, legte das die merkwürdige Yellow Press-Verbindung mit der karikaturhaft blonden TV-Walküre Bärbel Schäfer nahe, deren zweifelhafte Vergangenheit als Daily Talk-Masterin dabei für das Gegenteil von kerndeutscher Unverfälschtheit wie von Friedmanschem „Klartext“ steht.

Der Medienmensch Friedman überlebte seinen Sturz und trat inzwischen schon wieder bei Christiansen auf, renitent wie eh und je, aber mit büßerhaft zur deutschen Durchschnittsfrisur geschorenem Haar. Möllemann, Angehöriger der vorangegangenen Mediengeneration, überlebte seinen Sturz nicht. Er wollte ihn nicht überleben: Am Ende, als er aus dem Zeichenchaos, das er angerichtet hatte, nicht mehr herausfand, wählte er buchstäblich den Sprung ins Primäre. Uwe Barschel, ein ähnlicher Fall, wählte die weichliche römische Variante (Selbstmord im warmen Bad). Der Reserveoffizier Möllemann entschied sich dagegen für eine „harte“ Version: den ungebremsten Fallschirmsprung.

In der heillos sekundären Medienkultur gilt als Garant des Primären nur noch der Körper: Was körperlich ist, so meint man, muss primär sein. Am Ende der Laufbahn der Medienmanipulatoren steht darum mit innerer Folgerichtigkeit der klassische Rauschgift-und-Sex-Skandal – oder eben der medial inszenierte Tod. – Denn der ist in jedem Fall das Primärste, der letzte und äußerste Klartext sozusagen.

Aber natürlich ist auch das eine Täuschung: Auch der Tod ist kein Ausweg aus dem medialen Sprachspiel, dass unser Leben ist. Gerade der als Zeichen gesetzte Tod liefert die Nahrung, nach der die parasitären Zeichen hungern. Kennedy, Lady Di, Möllemann: So hatte sich Jurgen the German das wahrscheinlich vorgestellt. Und für die Verschwörungstheoretiker im Internet ist von vornherein klar: Es war der Mossad.[40]

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *