Vorwort (Ende 2012)

Das Sprachspiel des “Sekundären Antisemitismus” lässt einen eigenartigen “Antisemitismus ohne Antisemiten und ohne Juden entstehen”, der sich als Teil des deutschsprachigen Mediendiskurses seit ca. 1970 entwickelt hat. Dieser Aufsatz untersucht in 9 Kapiteln eingehend, wie dieses semiotische Sprachspiel im Einzelnen funktioniert. In Kapitel 4 und Kapitel 9 werden grundsätzliche Aussagen zum “Sekundären Antisemitismus” getroffen, aber wichtige Differenzierungen ergeben sich erst aus der detaillierten Beschäftigung mit den realen Fällen:

  • Klinsmann und die Tottenham Hotspurs (Kapitel 1 – 3)
  • Martin Hohmann (Kapitel 5)
  • Jürgen Möllemann (Kapitel 6)
  • Michel Friedman (Kapitel 7)
  • Martin Walser (Kapitel 8 )
Der Aufsatz wurde 2003 geschrieben. Aus heutiger Sicht [Januar 2013] müsste man Studien zu Günter Grass und Jakob Augstein hinzufügen, um die sich 2012 Debatten um “sekundären Antisemitismus” entzündeten.
Hier eine sehr verkürzte Skizze des “sekundären Antisemitismus” (Blogpost von 2012):

Dabei spielt die ideologische Figur “Der Jude” mit ihren bekannten stereotypen Merkmalen, die der Ankerpunkt des “primären Antisemitismus” ist, eben keine Rolle mehr. Der “sekundäre Antisemitismus” ist also nicht zu verwechseln mit einem mehr oder weniger trickreich maskierten primären Antisemitismus, wie ihn z.B. die österreichischen Rechtspopulisten gern pflegen. Stattdessen sind im Sprachspiel des “sekundären Antisemitismus” mehrere semantische Achsen erforderlich, damit es ins Laufen kommt:

(1) Der singuläre Völkermord, den Nazi-Deutschland an den Juden verübt hat, wird weder ausgeklammert, geleugnet oder relativiert, sondern ausdrücklich als Argumentationsbaustein gebraucht.

(2) Als gegenwärtige Spielfiguren werden “die Israelis” und “die Deutschen” eingeführt.

(3) Es wird eine semantische Achse “Täter/Opfer” eröffnet, um mit ihr zu spielen. Direkt oder indirekt entstehen dann die Aussagen “Die Israelis sind (auch) Täter.” und “Die Deutschen sind (auch) Opfer.”

(4) Der “primäre Antisemitismus” ist sehr indirekt doch Teil des sekundären Sprachspiels: Als unspezifischer antisemitischer Resonanzraum dient er vor allem als Mittel zur Verstärkung der eigenen Aussagen durch Selbst-Skandalisierung. Das ist jedenfalls bei Leuten wie Grass oder Walser eher narzisstisch als rassistisch motiviert, aber das ist keine Entschuldigung.

(5) Die Obsession der Urheber des sekundär-antisemitischen Sprachspiels sind nicht “die Juden” (oder “die Israelis”), sondern die eigene Sprecherposition.

(6) Der “sekundäre Antisemitismus” ist komplementär bezogen auf den Mediendiskurs des Anti-Antisemitismus seit 1970. Beide Sprachspiele stützen, verstärken und nähren sich gegenseitig.

Dieses Sprachspiel kann in recht verschiedenen ideologischen Kontexten gespielt werden. Grass (2012), Walser, Möllemann und (wenn sich jemand erinnert) der CDU-MdB Hohmann haben das alle auf ihre Weise getan. Ob bzw. inwiefern Jakob Augstein (2012) das getan hat, wäre noch eingehend zu prüfen. Zumindest die ersten drei haben dieses Sprachspiel sehr bewusst inszeniert und sich selbstverliebt dabei als überlegene Rhetoriker in Szene gesetzt. In allen Fällen erwies sich aber, dass sie der entfesselten Eigendynamik dieses Sprachspiels nicht gewachsen waren, das sich ihrer quasi nur bediente.

Das heißt: Es gibt keinen kollektivpsychologischen “Abgrund”, aus dem solche Äußerungen quasi “hervorbrechen”. Das Zeichen steht am Anfang.

Das macht die Sache aber keineswegs harmloser, denn das gilt im Grunde auch schon für die primären Antisemitismen, die sich im Lauf der Geschichte entwickelt haben. Antisemitismus war immer schon ein Spiel mit Zeichen: Genau das, und nicht ein imaginäres “tiefes” kollektivpsychologisches Syndrom, macht die verblüffende Kontinuität und Unzerstörbarkeit der ideologischen Struktur aus. Es ist quasi ein semiotischer Virus, der sich durch Kettenreaktionen fortzeugt.

Walser ist kein Antisemit, sagte Günter Grass (!) 2003. Möllemann ist kein Antisemit, sagte Helmut Schmidt. Hohmann ist kein Antisemit, sagte der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Bosbach. Gemeint ist immer: Sie sind keine primären Antisemiten, die in ihrem Innersten von unversöhnlichem Hass gegen die Juden getrieben sind.

Aber was besagt das schon? Hitler selbst war vor 1914 (vielleicht vor 1916) kein Antisemit, wie man aus der maßgeblichen Biographie Kershaws folgern muss. Daraus lässt sich nur die Sinnlosigkeit der tiefschürfenden Frage folgern, ob jemand ein Antisemit IST.

Es lässt sich allein feststellen, ob jemand als Urheber antisemitischer Äußerungen hervorgetreten ist, in welcher Frequenz das erfolgt, inwiefern diese Äußerungen selbst ein zusammenhängendes System antisemitischer Sätze bilden oder evozieren bzw. inwiefern sie indirekt auf ein solches bestehendes, kulturell relevantes System verweisen.

In diesem langen Aufsatz wird in 9 Kapiteln genauer untersucht, wie das Sprachspiel des “sekundären Antisemitismus” funktioniert.

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